2016 October 21 / 17:00 - 2016 October 21 / 18:30
Round Table
Alice Gorman

Alice Gorman
Geisterhäuser in Hochgeschwindigkeit: Orbitale Zukünfte
FR 21.10.16 | 17:00

Die Maschinen und Gerätschaften jeder Raumfahrtsepoche verweisen auf Zukunftsvisionen, die auf den unterschiedlichen Abstufungen von Schwerkraft basieren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte sich Konstantin Tsiolkovsky vor, dass das Leben in Mikrogravitation eine idyllische, egalitäre Gesellschaft hervorbringen würde: Menschen schweben in Gewächshäusern im Orbit, angetrieben durch unbegrenzt verfügbare Sonnenenergie. Stattdessen umkreisen heute Trümmer von Raketen und Satelliten die Erde und zersplittern dabei in immer kleinere Fragmente – ähnlich jenen Kunststoffteilchen, die sich in unseren Ozeanen sammeln.
Inmitten dieses Trümmerschwarms, aber auch in weiter entfernten Regionen unseres Sonnensystems, befinden sich stillgelegte Raumfahrzeuge. Sie tragen die Hoffnungen und Ängste jener mit sich, die in der irdischen Schwerkraft zurückbleiben. Im Unterschied zu archäologischen Artefakten auf der Erde, die erst durch Ausgrabungen ans Licht gebracht werden müssen, sind diese Trümmer nicht versteckt und ziehen ihre Kreise inmitten funktionstüchtiger Satelliten. Sie sind die nüchterne Erscheinung einer „Vergangenheit, die die Gegenwart heimsucht“. Interessanterweise gibt es zur Zeit nur zwei dieser Objekte, die menschliches Leben beherbergt haben: die leerstehende Tiangong-1-Station und die Internationale Raumstation (ISS), letztere mit menschlicher Besatzung, jedoch mit ungewisser Zukunft. Unser Platz im Raum jenseits der Erde ist prekär und gleichzeitig für viele verheißungsvoll. Welche aufkommenden Technologien könnten neue Zukunftsvisionen ermöglichen, die uns in einen „Raum der Zukunft“ katapultieren – und zu einer zukünftigen Archäologie?


Dr. Alice Gorman ist eine international anerkannte Pionierin auf dem Gebiet der Weltraumarchäologie. Sie ist Senior Lecturer an der Abteilung für Archäologie der Flinders University in Adelaide (AUS), wo sie Archäologie moderner Gesellschaften unterrichtet und zur Archäologie und dem kulturellen Erbe der Raumfahrt forscht. Sie ist Mitglied des American Institute of Aeronautics and Astronautics und der Space Industry Association of Australia und arbeitet seit 2011 am Southern Hemisphere Program der International Space University. Alice Gorman twittert als @drspacejunk und bloggt auf Space Age Archaeology. Gorman interessiert sich für die menschliche Fähigkeit, sich an verschiedenste Umgebungen anzupassen, und die Verwendung von materieller Kultur, um sich in neuen Welten zurechtzufinden. In ihren jüngsten Forschungsprojekten untersucht sie orbitalen Weltraummüll als Teil des Anthropozäns, performative Aspekte von Mondlandeplätzen, sowie die Verschränkung von Natur und Kultur auf subatomarer Ebene. Sie forschte überdies zu den Zusammenhängen zwischen indigener Kultur und Weltraumforschung an den Orten von Raketenstartplätzen in Australien und Französisch-Guayana. Nicht zuletzt ging es ihr dabei um eine Kritik an einer kolonialen Haltung wie sie sich in landläufigen Raumfahrtsnarrativen wiederfinden lässt.


Bild: Zeichnung aus Konstantin Tsiolkovskys "Album of Space Travel“, 1933
Russian Academy of Sciences (Public Domain)