2016 October 21 / 15:00 - 2016 October 21 / 16:30
Round Table
Douglas Murphy

Douglas Murphy
Gigantische Hüllen und das totale Interieur
FR 21.10.16 | 15:00

In den 1960er und 70er Jahren war fortschrittliche Architektur von dem Gedanken besessen, dass die industrialisierte urbane Gesellschaft durch neue Technologien wieder mit der Natur in Einklang gebracht werden könnte. Während diese Generation unter dem Bann apokalyptischer Szenarien stand und die wachsende Umweltbewegung die Zerstörung des Planeten durch die Moderne prophezeite, war es gleichzeitig eine Ära von beispiellosem technischem sowie gesellschaftlichem Optimismus. Die zentrale räumliche Figur der damaligen Zeit und Vorstellungskraft war der „Dome“, die geodätische Kuppel. Inspiriert von Raumkapseln und neuen Technologien des Bauens und der Klimakontrolle, stellte der Dome das Versprechen einer in den Innenraum transferierten, geordneten und kontrollierten Natur dar – im kleinen Maßstab der individuellen Blase wie auch im Rahmen ganzer Städte unter Glaskuppeln. Zugleich versprach dieser „erweiterte Innenraum“ eine Landschaft reinen Komforts und konfliktfreier Muße, für politisch Radikale wie auch für die gesellschaftliche Mitte des westlichen Establishments.
In letzter Zeit erlebt das „Kuppel-Denken“ angesichts neuer öffentlicher Diskussionen über technologischen Fortschritt und ökologische Krisen eine Renaissance. Signifikant ist hier Peter Sloterdijks Verwendung des „Crystal Palace“ und des Glashauses als architektonische Metapher der erdrückenden kulturellen Verhältnisse einer globalisierten kapitalistischen Welt. Seine konservative Sicht verwirft ausdrücklich auch jene Ansätze, die in den neuen kapitalistischen Raumanordnungen Anzeichen zukünftiger Emanzipation erkennen, wie z.B. Walter Benjamins „große Interieurs“. Gegenwärtig bedienen sich die omni-präsenten Technologie-Konzerne der idealistischen Visionen einer architektonischen Gegenkultur, um neue Firmenzentralen zu planen. Was können wir also tun, um den Nachhall dieser Bilder in der räumlichen Imagination besser zu verstehen?

 

Douglas Murphy ist Autor und Architekt und lebt in London. Sein Buch Last Futures (Verso, 2016) skizziert eine Kulturgeschichte radikaler Architektur der 1960er und 70er Jahre, in The Architecture of Failure (Zero, 2012) geht er der Geschichte der Architektur aus Eisen und Glas und ihrem Einfluss auf die Moderne nach. Im Moment arbeitet er an seinem neuesten Buch, Nincompoopolis, über die Architektur von London unter Bürgermeister Boris Johnson. Murphy studierte an der Glasgow School of Art und am Royal College of Art und ist Architektur-Korrespondent des Icon Magazins. Er schreibt für eine Reihe an Publikationen über Architektur, Bildende Kunst und Fotografie und hält regelmäßig Vorträge.
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Bild: Innenansicht der Montreal Biosphère. Foto von Douglas Murphy.