2016 September 23
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Industriegebiete ohne Industrie

Zur Ortsbezogenen Kunst
Eva Maria Stadler


Industriegebiete ohne Industrie
Galerien und Museen ohne Gemälde und Skulpturen
Parkplätze ohne Autos
Einkaufszentren ohne Waren
Bürogebäude ohne Geschäftstätigkeit
Landschaften ohne historische Anblicke [1]
 
‚Gewöhnliche Orte, die einer zukünftigen Zeit anzugehören scheinen’ bezeichnet Robert Smithson als leere oder abstrakte Situationen, als Orte und Situationen die einander bedingen.

Der Ort als äußerster Punkt von Raum und Zeit, als Anfangspunkt und Endpunkt markiert den kritischen Nullpunkt, der aber jederzeit für eine Signifikation, für eine Zeichenwerdung offen steht, wie es Roland Barthes ausdrückt. 

Orte und Nicht-Orte, sites und non-sites zu untersuchen steht im Mittelpunkt des Studienganges für Ortsbezogene Kunst. Die Frage nach dem Ort, der Ordnung des Raumes, kommt seit dem 18. Jahrhundert eine besondere Bedeutung zu. Mit zunehmender Lösung von höfisch-hierarchischen Ordnungen entsteht der politische Raum des Öffentlichen, des Zugängigen - ein Raum, dessen Bedingungen stets von Neuem verhandelt werden müssen. 

Mit der dritten industriellen Revolution, der digitalen Revolution erfährt diese Sphäre des Öffentlichen eine weitere Transformation. Von welchen öffentlichen Orten sprechen wir in Zeiten des www? Sind Orte an die physische Erfahrbarkeit gebunden? Oder können Orte auch jenseits des Körpers konstruiert werden? Sind Orte der Geschichte verpflichtet, oder können sie sich losgelöst im digitalen Universum ereignen?

Der Bildung von Orten oder Situationen obliegt es, Räume herzustellen, zu nutzen, zu besetzen, in Frage zu stellen, zu zerstören. Die Situation ist ein ‚durch die kollektive Organisation einer einheitlichen Umgebung und des Spiels von Ereignissen konkret und mit voller Absicht konstruiertes Moment des Lebens.’[2]
Der künstlerischen Praxis kommt die Aufgabe zu, solche Momente zu erfassen, Erfahrungsräume zu generieren, Beziehungen zur Umwelt einzugehen, kritisch zu hinterfragen, Grenzen zu ziehen und zu durchbrechen. 


[1] Robert Smithson, Orte und Situationen in: Robert Smithson, Gesammelte Schriften, hg. von Eva Schmidt und Kai Vöckler, Kunsthalle Wien, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2001
[2] Situationistische Internationale, Definition: Konstruierte Situation in: Situationistische Internationale 1957-1972, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 1998, S. 78