2016 October 22 / 15:00 - 2016 October 22 / 16:30
Round Table
Saskia Vermeylen

Saskia Vermeylen
Die „Invasion“ der Chaostheorie und der Science Fiction auf das Weltraumrecht
SA 22.10.16 | 15:00

Während des Wettlaufs ins All in den 1950er und 60er Jahren kam es zu einer Weiterentwicklung des Weltraumrechts, in der der Einfluss von Science Fiction Literatur besonders spürbar war. Weltraumrecht war bereits auf elementarer Ebene eine Science Fiction, indem es eine Gesetzgebung für Handlungsbereiche noch vor deren technischer Umsetzbarkeit schuf. Der zeitgeschichtliche Hauptanlass dieser Gesetzgebung war die Unterbindung einer militärischen Nutzung des Weltraums. So legte der Weltraumvertrag aus dem Jahr 1967 fest, dass weder der Mond noch andere Himmelskörper Gegenstand territorialer Ansprüche einzelner Nationalstaaten werden können.
Der Vortrag analysiert die semiotische Ebene des Weltraumrechts und vergleicht diese mit Texten aus dem sogenannten „Goldenen Zeitalter“ der Science Fiction Literatur. Während die Sputnik-Krise möglicherweise direkter Auslöser der Entwicklung einer Weltraumgesetzgebung war, gibt es verschiedene erzählerische Motive – wie z.B. die Invasion aus dem Weltraum oder interplanetarer Kolonialismus – die Einblick in die Dreiecksbeziehung von Science Fiction, Gesetz und Technologie bieten können. Von akademischer Seite wurde der Einschreibung von Science Fiction Literatur ins Weltraumrecht – als eine Verfassung des Überflusses, jedoch gleichzeitig von einer dystopischen Zukunft geplagt – bisher kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Über die Werke von StanisÅ‚aw Lem und seine Interpretation der Chaostheorie werde ich den Mangel an Einfallsreichtum und Spekulation sowohl in der Science Fiction Literatur als auch im Weltraumrecht analysieren. Lems Idee von Literatur als „Raum der Vermittlung, in dem Offenheit und Geschlossenheit, Chaos und Ordnung, Schöpfung und Reflexion miteinander in Beziehung treten” (Katherine Hayles), kann in diesem Sinne für eine Kritik am Scheitern der SF-Literatur als Schöpferin von Zukunft wie auch Zivilisation fruchtbar gemacht werden.

 

 

Dr. Saskia Vermeylen ist eine kritische Rechtswissenschaftlerin, die sich mit der Theorie des Eigentums und Ressourcen in Grenzgebieten auseinandersetzt. Ihre empirische Forschung widmet sich alternativen Besitzstrukturen in indigenen Gemeinschaften. Derzeit stellt sie eine Monographie zu „critical property theory” zusammen, die sich auf Jacques Derrida und Emmanuel Levinas stützt. Kürzlich hat sie ein neues Forschungsprojekt über rechtliche und ethische Bedeutungen eines „gemeinsamen Erbes der Menschheit“ begonnen, ein im Zusammenhang von Tiefsee- und Weltraum-Ressourcen und deren geplantem Abbau vieldiskutiertes Konzept. Dies knüpft an ein größeres Projekt über den „ontological turn“ in den kritischen Rechtswissenschaften an: Angelehnt an Karen Barads und Donna Haraways Methode der „diffraction“ und an Rosi Braidottis nomadisches Denken, untersucht Vermeylen die Bedeutung ontologischer Ansätze für die kritische Umweltgesetzgebung und ökofeministische Philosophie im Anthropozän. Saskia Vermeylen ist seit kurzem Chancellor’s Fellow und Senior Lecturer an der juridischen Fakultät der University of Strathclyde in Glasgow.
 

Bild: Moon Colony – artist's concept of possible exploration programs.
NASA/SAIC/Pat Rawlings, 1995 (Public Domain)